Vortrag: Schwule und Lesben in der DDR - Zwischen Staatswahrnehmung und Selbstwahrnehmung

Datum und Uhrzeit: 
25. Juni 2018 - 19:00
Veranstalter: 
SCHMIT-Z in Kooperation mit dem Förderverein der Karl-Marx-Ausstellungsgesellschaft
Veranstaltungsort: 
SCHMIT-Z

Dr. Christian Könne, Oberstudienrat und Fachvorsitzender für Geschichte am Hohenstaufen-Gymnasium in Kaiserslautern; daneben Gestaltung von Unterrichtsmaterialien, Lehrerfortbildungen zu verschiedenen Themen in Rheinland-Pfalz. Forschungsschwerpunkte: Schulbuch- und Bildungsmedienforschung, DDR-Geschichte, Geschichte der Prostitution, Verfolgungs- und Emanzipationsgeschichte von Schwulen und Lesben, Geschichte der Amerikaner in Rheinland-Pfalz seit 1945.

Auszug aus dem Vortrag:

"Die SED bezeichnete die DDR als antifaschistisch. Dies wäre ein Ansatzpunkt gewesen, mit dem von den Nationalsozialisten 1935 verschärften § 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte, zu brechen. Außerdem waren die Arbeiterparteien KPD und SPD in den 1920er Jahren im Reichstag für die Abschaffung des § 175 eingetreten. Doch die Fortführung dieser Traditionslinien blieb aus. In die Verfassung übernahm 1949 auch der SED-Staat die von den Nationalsozialisten verschärfte Variante des § 175. 1950 wurde nach einem Gerichtsurteil die vor 1935 geltende Version des § 175 geltendes Recht. Meist hinter den Kulissen war in den 1950er Jahren eine Diskussion um die Abschaffung des § 175 im Gange. Die Initiative ging vom schwulen Arzt Rudolf Klimmer aus. Er wurde auf inoffizieller Ebene von prominenten Genossen wie dem späteren Nationalpreisträger und Kinderbuchautoren Ludwig Renn, selbst schwul, unterstützt. Auf offizieller Ebene erhielt Klimmer u. a. Unterstützung vom Leipziger Oberbürgermeister. In der sächsischen Presse fanden sich zeitgenössische Artikel, die dieses Anliegen diskutierten.

Im Gefolge des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 verschwand die Diskussion um eine Abschaffung des § 175. Die DDR-Presse schwenkte zum Teil bis auf die Wortebene auf die Argumentation der Nationalsozialisten ein. Offenbar war die SED bei ihrer Machtstabilisierung nicht daran interessiert, in der Bevölkerung unpopuläre Themen, wie einen positiven Umgang mit Homosexualität weiter zu diskutieren, und so die geringe Zustimmung zu ihrer Politik zu gefährden. Außerdem richtete sich die SED zunehmend am Kurs der KPdSU aus. Eine positive Einstellung zur Homosexualität gab es in der UdSSR nicht. Auch bei Marx und Engels wurde Homosexualität negativ besprochen. Die Darstellung von Homosexualität war in der Presse dennoch verbreitet. Vor allem, um sie im Westen anzusiedeln und in den Kontext von Raub, Mord, Erpressung und Gefährdung der Jugend zu stellen. Homosexualität wurde zu dieser Zeit politisch-gesellschaftlich diskutiert."